Wie wir lernten, geflüchtete Kinder für Citizen Science zu begeistern

Es war einmal vor vielen Jahren an einer Europäischen Citizen Science Konferenz in Berlin: als Pia und Katja miteinander Kaffee tranken und sich über ihre Arbeit in der Schweiz und den Niederlanden austauschten. Ein paar Jahre später meldete sich Katja wieder bei Pia: Sie hätte da so ein Projekt mit geflüchteten Kindern…

So begann für catta eine lehrreiche Reise. Und das möchten wir euch nicht vorenthalten. Los gehts!

Warum neu erfinden, wenn es schon gute Grundlagen gibt

Das von Katja erwähnte Projekt Map4Rec – kurz für Mapping for Recreation – ermutigt geflüchtete Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren, städtische Grünräume durch verschiedene Citizen Science Aktivitäten zu entdecken.

Indem die Kinder ihre Umgebung erkunden sowie Tiere und Pflanzen dokumentieren, stärkt das Projekt ihre Verbindung zur Natur, fördert ihr Wohlbefinden und unterstützt ihre Teilhabe am öffentlichen Leben. Gleichzeitig gewinnen Forschende, Lehrpersonen und Gemeinden neue Einblicke darin, wie geflüchtete Kinder städtische grüne Orte wahrnehmen und nutzen.

Wer macht was?

Als sich Katja, die leitende Wissenschaftlerin in den Niederlanden, mit der Idee bei uns meldete, das Projekt in die Schweiz (nach Aarau) zu holen, zögerten wir nicht lange. Gemeinsam mit der Universität Zürich bewarben wir uns auf einen Citizen Science Seed Grant.  

Catta’s Aufgabe war das Community Management: Kinder und ihre Familien für das Projekt gewinnen, sie begleiten und sicherstellen, dass sie sich wohlfühlen. 

Mit Kindern aus Migrations- und Fluchtkontexten hatten wir bisher nie gearbeitet. Da es sich aber um eine in Citizen Science Projekten unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppe handelte, war das Projekt für uns umso spannender.

Kinder mit Migrationshintergrund als unbekannte Zielgruppe

Nun denn: Wie und wo finden wir diese Kinder? Niemand im Projektteam hatte direkten Zugang zu Familien mit Fluchthintergrund. Also machten wir uns auf die Suche nach Partnerinnen und Partner, die uns unterstützen konnten. Wir fragten bei Schulen an, bei kantonalen Integrationsstellen, bei NGO’s.

Den passenden Partner fanden wir erstaunlich schnell und niederschwellig beim Jugendrotkreuz Aargau (JRK). Das JRK bietet jeden Samstag einen Nachmittag für geflüchtete und migrierte Menschen an. Das Format heisst BBB: Bildung, Begegnung und Beschäftigung. Zwei dieser Samstagnachmittage durften wir für unser Projekt nutzen.

Das BBB-Format erwies sich als ideal für uns, weil bereits eine Vertrauensbasis bestand. Die Familien kannten das JRK, den Anlass und die freiwilligen Helfer:innen. Die Freiwilligen konnten uns zudem mit ihrem Wissen und Sprachkenntnissen unterstützen. Und schliesslich bestand auch schon ein grosser Whats-App Chat mit vielen Familien, den wir für die Einladung nutzen konnten. 

Richtig einladen ist gar nicht so einfach

Ok, den Partner und Kommunikationskanal, um die Familien zu erreichen, hatten wir. Damit ist aber noch nichts gewonnen. Jetzt mussten wir die Einladung so schreiben, dass auch ein paar Eltern Lust hatten, ihre Kinder für die Nachmittage anzumelden. Einerseits musste es spassig für die Kinder sein, andererseits auch überzeugend für die Eltern. 

Wir gestalteten den Flyer zum Nachmittag mit vielen Bildern und wenig Text in einfachem Deutsch. Zudem wurde das Projekt vom abstrakten«Map4Rec» zum nahbaren «Stadtdetektive Aarau» umbenannt. 

Wir legten den Fokus bewusst darauf, gemeinsam einen spassigen Nachmittag draussen in der Natur zu verbringen. Dass es sich um Citizen Science handelte, erwähnten wir. Es wurde aber nicht betont, damit auch Menschen ohne Bezug zur Wissenschaft angesprochen wurden. Und weil es abschreckend wirken kann, nutzten wir Fotos von uns statt Universitätslogos.

Und letztlich haben wir darauf geachtet, dass keine Kosten für die Teilnahme entstehen. Das ÖV-Ticket wurde vom JRK zurückerstattet, Snacks und Getränke organisierten wir. 

Und dann kam auch schon der erste Samstag.

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Wie erreicht man Familien und Kinder mit Fluchthintergrund?

1. Vertrauensbasis schaffen

Zusammenarbeit mit Vertrauensorganisationen oder Personen der Zielgruppe ist wichtig, um die Identifikation mit dem Projekt zu erhöhen und Bedürfnisse direkt abzuholen. Idealerweise werden auch einige gut vernetzte Personen direkt aus der Zielgruppe (bspw. Eltern, denen das Projekt gefällt) in das Projekt integriert.

2. Bekanntes nutzen

Bekannte Orte, bestehende Formate und Kommunikationskanäle zu nutzen, hilft besonders Familien, die sich noch nicht so gut auskennen. Weite Reisen oder sehr akademische Kontexte sollten eher vermieden werden. 

3. Niederschwelligkeit ist mehr als einfache Sprache

Es geht um Ort (bekannt, sicher), Zeit (wenn möglich eingebettet in eine bestehende Veranstaltung), Kommunikationskanal (WhatsApp statt E-Mail, direkt statt formell), Kommunikationsformat (Text, Video, Bild), Framing (Spass statt Wissenschaft) und kleine Gesten (Fotos, persönliche Portraits statt Institutionslogos, gratis Anreise).

4. Mehrwert betonen

Da die meisten Familien keinen Bezug zur Wissenschaft haben, sollte der Fokus nicht auf dem wissenschaftlichen Teil des Projektes liegen. Was haben die Kinder von einer Teilnahme? Wie werden die Eltern entlastet?

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30 Kinder angemeldet, 4 kamen tatsächlich

Die Sonne schien und wir waren ready für 30 angemeldete Kinder. Wir Erwachsenen sahen uns ziemlich in der Überzahl, als dann nur 4 Kinder auftauchten. Woran hatte es gelegen? War das Wetter zu gut? Hatten sie es vergessen? So richtig erklären, konnte es sich niemand. Naja, Kopf hoch und weiter - wir hatten trotzdem einen schönen Nachmittag mit den vier Kindern.

Und nun?

Danach mussten wir hinter die Bücher und uns überlegen, wie wir es schaffen, für den zweiten Nachmittag mehr Kinder/Eltern zu überzeugen. Wir hatten ein paar Ideen:

Erstens: Glacé. 

So simpel wie wirkungsvoll. Ein Glacé als zusätzlicher Anreiz und um zu zeigen: Das hier ist kein Schulnachmittag, das macht Spass. Tatsächlich fragten einige Kinder bereits bei der Ankunft «Wänn gits Glacé?». 

Zweitens: Bekannte Gesichter. 

Wir posteten im Vorfeld Fotos des ersten Nachmittags. So konnten Eltern und Kinder sehen, was sie erwartete. Mit bekannten Gesichtern und Orten sowie Aktivitäten, die spassig aussahen.

Drittens: Eine eigene WhatsApp-Gruppe. 

Das war wohl die wichtigste Anpassung. Wir hatten beim ersten Mal bewusst darauf verzichtet, um die Leute nicht mit Nachrichten zu überfordern. Nun erstellten wir einen eigenen Chat für die angemeldeten Eltern. Diese schienen den Kanal zu schätzen. Sie reagierte auf Nachrichten und nutzen ihn zur Kommunikation am Eventtag selbst. Zusätzlich konnten wir am Freitag vorher nochmals nachfragen, wer nun wirklich kommen würde. 

Und so standen wir am zweiten Samstag ebenfalls bei sonnigem Wetter wieder bereit. Und dieses Mal kamen die Kinder! 

Von Laserpistolen und nassen Schuhen

Und nun: ab nach draussen an die Sonne. Die Aktivitäten umfassten drei Bereiche: Tiere und Pflanzen identifizieren (mit Hilfe einer App), Temperaturen auf verschiedenen Untergründen messen (Rasen, Beton, Stein), und am Ende ein kurzer Fragebogen darüber, wie die Kinder den Ort finden.

In der Theorie war alles schön strukturiert durchgeplant. Aber eben: mit Kindern muss man flexibel bleiben. 

Beispielsweise die Sache mit dem Laser Temperaturmessgerät in Form einer Pistole. Kaum hatten die Kinder das Gerät entdeckt, war es vorbei mit der Aufmerksamkeit. Wild rennend wurde alles Mögliche gemessen: Hände, Schuhe, Bänke, die anderen Kinder. Und der Kleinste spielte einfach Laserpistole 😊. Ein Anfängerfehler unsererseits: zuerst erklären, dann das Werkzeug herausgeben.

Wir haben die Aktivitäten entsprechend pragmatisch an die Situation angepasst. Uns kam zugute, dass wir vorgängig im Team Minimalanforderungen für die Resultate definiert hatten. Je nach Motivation konnten die einen auch mehr tun. Diese Flexibilität war nötig, um den Nachmittag den Kindern, deren verschiedenen Interessen und Altern anpassen zu können. 

Und dann war da noch die Sache mit dem nassen Schuh: Ein Kind war so begeistert vom Tiere identifizieren, dass es sich kurzerhand entschied, alleine einen Fisch zu fangen. Ein kurzer Schreckmoment entstand, als wir das Kind suchen mussten. Zum Glück passierte aber abgesehen von einem Schuh voll Wasser nichts. Für uns war klar: die Arbeit mit Kindern draussen braucht viel Personal und vor allem Leute, die die Gruppe im Blick behalten, oder auch mal mit jemandem Fussball spielen, während sich andere der Datenerfassung widmen. 

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Citizen Science mit Kindern mit Fluchthintergrund

1. Sprache: in unserem Fall kaum ein Problem

Die Kinder sprachen alle sehr gut Deutsch und die Eltern halfen sich gegenseitig beim Übersetzen. Zudem waren Freiwillige mit Sprachkenntnissen vor Ort, die sich gut mit denen der Familien überlappten.

2. Direkter Kommunikationskanal 

Beim Arbeiten mit Kindern ist es sehr hilfreich, einen direkten, niederschwelligen Kommunikationskanal zu haben, um die Eltern erreichen zu können und umgekehrt. Zudem können dort Fotos, Erinnerungen und Dankeschöns verschickt werden.

3. Flexibilität in der Methodik

Mit Kindern draussen zu arbeiten, bedeutet, dass man im Voraus plant und dann vor Ort anpasst. Wichtig ist zu wissen, was das absolute Minimum– welche Daten, welche Erfahrungen unbedingt stattfinden sollen – und was Nice-to-Have ist. 

4. Datenschutz ist wichtig

Die Eltern waren sehr bedacht darauf, dass ihre Kinder anonym bleiben – auf Fotos, in Aufnahmen, in Daten. Die Datenschutzformulare wurden sehr genau und individuell mit dem Eltern durchgelesen. Zum Glück hatten wir am Nachmittag selbst genügend Zeit dafür einberechnet. 

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Viel gelernt!

Ein Kaffeegespräch in Berlin. Zwei Samstagnachmittage in Aarau. Laserpistolen, Glacé und ein nasser Schuh. «Stadtdetektive Aarau» war unser erster intensiver Ausflug in die Arbeit mit geflüchteten und migrierten Kindern als Citizen Scientists. Wir werden einige Learnings für unsere zukünftigen Projekte mitnehmen!

Zum Schluss möchten uns bei allen herzlich bedanken, die Teil des Projektes waren und vor allem bei den Kindern, die voller Elan und Offenheit gemeinsam mit uns geforscht haben!

 

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Kinder sitzen im Kreis um eine erwachsene Frau. Sie erklärt ihnen, wie das Temperaturmessgerät funktioniert.
Ein kleiner schwarzer Hund steht neben einem farbigen Fussball
Eine Person identifiziert mit Hilfe ihres Handys ein Insekt, welches sie gefangen haben.
Eine Gruppe Jugendliche beugen sich im Kreis über eine Bank und betrachtet etwas.
Aussenbereich des Wenk in Aarau
Ein Jugendlicher fotografiert eine Frau vor der Aare.